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Deutschland > Verlorene Leuchttürme > Wangerooge (Alter Westturm)

D | Wangerooge (Alter Westturm)
53° 47' N | 007° 50' E

Die Leuchtfeuergeschichte auf Wangerooge ist außergewöhnlich lang. Als Tagesseezeichen diente bereits im 16. Jahrhundert der Turm der Nikolaikirche im damaligen Inselort von Wangerooge, in dessen Nähe sich außerdem eine hölzerne Bake befand. Der Landabbruch im Westen der Insel erreichte um 1580 auch den Turm, der zuvor bereits einigen Bränden ausgesetzt worden war. Im Jahre 1586 sollen nur noch 50 Fuß hohe Reste des Turms gestanden haben. Bis 1595 dienten die Ruinenreste noch als Orientierungspunkt, danach stürzten die Turmreste endgültig ein und verschwanden allmählich in den Fluten. Schon in den Jahren zuvor bemühte sich die an der Nordseeschiffahrt stark beteiligte Stadt Bremen um einen neuen Turm beim Grafen Johann von Oldenburg, der der Bitte aber zunächst aus Missgunst nicht nachkam. Erst 1597 begann der Bau eines erheblich größeren Wehrturms in der Inselmitte, der den nordseefahrenden Schiffen die Einfahrt in die Weser und Jade deuten sollte. Am 11. Juli 1597 legte der Bremer Maurermeister Berent Cappelmann den ersten Stein, und nach fünfjähriger Bauzeit wurde 1602 der Turm zunächst fertiggestellt – der »Alte Westturm«, wie er erst genannt wurde, als es ihn schon nicht mehr gab, war entstanden.

Der alte Westturm von Wangerooge war der erste Leuchtturm an der deutschen Nordseeküste
Der alte Westturm von Wangerooge existierte von 1597 bis 1914.

Das imposante Gebäude bestand aus fünf Stockwerken und war von vornherein als wichtige Landmarke für die Schifffahrt gedacht. Die beiden Turmspitzen wurden in genauer Nord-Süd-Ausrichtung erstellt. Darum herum siedelte sich allmählich erneut das Dorf an, das seinen alten westlicheren Standort aufgeben musste. Der neue Wehrturm sollte zugleich als Kirche und sicherer Zufluchtsort vor Sturmfluten fungieren, für die Kirche war die zweite Etage reserviert. Auch als »Burgverließ« für Gefangene konnte er genutzt werden.

Der Turm war insgesamt 40 Meter hoch. Um die Tagesmarke, wie es bereits an der Ostseeküste üblich war, auch für ein Leuchtfeuer nutzen zu können, wurde 1624 – jetzt unter der Regie des Grafen Anton Günther von Oldenburg – in der Nordspitze ein Feuer eingerichtet. Das Feuer war nicht sehr eindrucksvoll. Daraufhin wurde zwischen den beiden Spitzen eine höhere, achteckige dritte Spitze auf den Turm aufgesetzt, die einige Fenster erhielt, in der das Feuer – bestehend aus mehreren rübölbetriebenen Laternen und Tranlampen– nun Nacht für Nacht brannte. Damit entstand das allererste Leuchtfeuer an der deutschen Nordseeküste. Der Turm hatte mit seiner dritten Spitze nun eine Höhe von 56 Metern. Der Versuch scheiterte, das Licht trug nur rund vier Seemeilen – nach nicht einmal sieben Jahren erlosch das Seefeuer wieder und der Turm wurde zu einer reinen Tagesmarke für die Schiffahrt. Einer Quelle zufolge soll die Mittelspitze aufgrund der vielen Öllampen auch in Brand geraten sein.

Eine Kohlenblüse in den nahen Dünen löste den Turm in seiner Funktion erst einmal ab, übrigens zeitgleich mit einer ersten Kohlenblüse auf Helgoland. Das stattliche Turmbauwerk überdauerte fast drei Jahrhunderte und ungezählte Sturmfluten und diente auch weiterhin als Kirchturm für die Insulaner. Um 1900 stand der Turm völlig einsam am Westrand der Insel Wangerooge – die Insel war mittlerweile weiter Richtung Osten gewandert, nur der Turm erinnerte noch an den alten Standort des Inseldorfes, das hier bis zur großen Sturmflut von 1854/55 existierte. Mit der Sturmflut vom 3. Oktober 1860 mussten die wenigen verbliebenen Häuser des Westdorfes aufgegeben werden, und der Dünenabbruch hatte den Turm nun auf dem nackten Strand stehen gelassen – bei starkem Seegang – wie auf der Abbildung – stand er auch schon einmal mitten in der rauhen See. Am 7. Oktober 1860 fand das letzte Mal ein Gottesdienst in dem Bauwerk statt, das nun ernstlich in Gefahr geriet. Mittlerweile hatte das stattliche Gebäude ein hohes Alter erreicht und stand auf unsicherem Fundament. Die Oldenburger Regierung machte deshalb noch im gleichen Jahr bekannt:

»Der Abbruch am nordwestlichsten Strande ist dem daselbst stehenden viereckigen, mit einer großen und zwei kleineren Spitzen versehenen Kirchturm so nahe gekommen, daß der Einsturz dieses Turmes bei ferner eintretenden Sturmfluten besorgt werden muß. Die Seefahrer, welche die Jade, Weser und Elbe ansegeln, können daher nicht mehr mit Sicherheit darauf rechnen, daß sie den gedachten, bisher als Landmarke benutzten Turm noch finden!«

Wieder war es die Hansestadt Bremen, die keinesfalls auf den Turm verzichten wollte und deshalb noch 1860 auf eigene Kosten durch Baurat van Ronzelen sein Fundament instandsetzen ließ. Das konnte aber vorübergehenden Charakter haben, denn der Untergang des Turmes war nur eine Frage der Zeit.

Am 23. Dezember 1914 zog sich das Militär den Zorn der Wangerooger zu. Unter Hauptmann Fischer wurde an diesem Tag der »Westturm« in zwei Anläufen gesprengt. Über Generationen und zahllose Sturmfluten hinweg symbolisierte der Westturm den Überlebenswillen und die Widerstandskraft der Wangerooger; den Militärs erschien das markante Gebäude aber als navigatorisch bedeutsamer Punkt viel zu auffällig. Das Fundament des Turms läßt sich heute noch gut am Westkopf der Insel erkennen. Dennoch ist es höchst zweifelhaft, ob der Turm bis heute noch mit wirtschaftlich vertretbarem Aufwand zu erhalten wäre. Schon 1914 soll die Unterkante des Fundaments bereits um einen Meter höher gelegen haben als der es umgebende Strand. Dass das Fundament bis heute erhalten ist, ist das Ergebnis angestrengten Buhnenbaus und ständiger Reparatur.

Heute gibt es wieder einen Westturm auf Wangerooge – am Ende des Westgrodendeiches entstand 1932/33 auf einem 15 Meter tiefen Fundament aus Betonpfählen und Spundwänden ein weitgehend exakter Nachbau des alten Turmes, lediglich 800 Meter nach Süden an das Westende des Westgrodendeiches versetzt. Mit Spendengeldern finanziert, baute die eigens gegründete Wangerooger Westturm-Gesellschaft das markante achtstöckige Bauwerk als Jugendherberge aus und übergab den Turm am 4. Juni 1933 der Hitlerjugend. Heute dient der Turm immer noch als Jugendherberge – jetzt freilich unter der Leitung des Deutschen Jugendherbergsverbandes (DJH) – , wird aber mangels Heizung nur im Sommer betrieben. Der heutige Turm gibt recht gut das Erscheinungsbild des alten Westturms wieder, wenngleich die zahlreichen Fenster in der Front ein Zugeständnis an die heutige Funktion sind. Die Laterne des Nachbaus blieb bis heute aber völlig funktionslos. Sie war im Original auch nicht zu allen Seiten verglast, wie es der Nachbau darstellt.

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