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Touren & Betten > Reiseberichte > Das Hafenfeuer Obereversand


Der Dorumer Turm kann nur über einen Treppenturm erreicht werden, der selbst bereits großartige Ausblicke über das Watt bietet. Die zweite Treppe zur Laterne wird nur als Notausstieg benötigt.

Am 8. Mai 2004 haben wir den Leuchtturm Obereversand in Dorum-Neufeld endlich besuchen können. Erst eine Woche zuvor, am Maifeiertag, wurde der historische Turm aus dem Jahre 1889 für Besucher eröffnet und zeigt zunächst bis Juli eine Ausstellung, wie Leuchtturmwärter vor nunmehr über einhundert Jahren lebten und arbeiteten. Über ein Jahr hinweg dauerten die Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten an, die den Turm auf Vordermann brachten: Das eiserne Gerüst ist in mattem frischem Schwarz gestrichen, Brüstungen und Geländer sind erneuert und alles sieht so aus, als ob es erst wenige Jahre in Betrieb sei: Der Leuchtturm Dorum ist zu einem echten Schmuckstück geworden.

Der Weg zum Turm führt mitten durch den Campingplatz am Kutterhafen, ist aber glücklicherweise hermetisch vom Platz durch eine Vertiefung und Zäune optisch getrennt. Über die kurze Seebrücke wird der Treppenturm am Fuße des Leuchtturms erreicht: Über »löchrige« Stufen geht es bis auf die Höhe der ersten Leuchtturmebene mit dem Eingangsbereich.

Der Besuch des Turms muss straff organisiert sein, da es keine getrennten Ein- und Ausgänge gibt. Martin Focke, Vorsitzender des Fördervereins Leuchtturmdenkmal Obereversand e.V., führt heute halbstündliche Führungen durch, und es hat sich auch eine ansehnliche Gruppe mit rund 15 Leuten versammelt, die nun endlich den schwarzen Turm kennenlernen wollen, der bis Februar 2003 noch am versandeten Wurster Arm der Außenweser als Rettungsbake stand – diesem Umstand ist es zu verdanken, dass das Innere des Turms nach seiner offiziellen Außerbetriebnahme im Jahre 1923 noch weitgehend original erhalten blieb und seine Inneneinrichtung nicht entfernt wurde. Ein Glück für den rührigen Förderverein, der großartige Arbeit leistete und das betagte Material nur dort erneuerte, wo es notwendig wurde!

Die neue Optik wartet darauf, wieder in Betrieb genommen zu werden - mit der Energiesparlampe soll immerhin eine Tragweite von zwei bis drei Seemeilen erreicht werden

Notausgangsbeschilderung, Stromleitungen und Heizkörper sind die Zugeständnisse an die neue Nutzung als Museum – und was den Strom angeht, auch an die geplante Nutzung als Hafenfeuer in Dorum: Die Optik ist eingebaut, eine kleine Energiesparlampe (!) ist installiert, und nun wartet man nur noch auf die offizielle Genehmigung des Wasser- und Schifffahrtamtes Bremerhaven, den Leuchtturm als Seezeichen mit einem weißen Festfeuer wieder in Betrieb nehmen zu dürfen. (Anm.: Seit dem 14. August 2004 ist das Hafenfeuer nun in Betrieb)

Martin Focke erklärt gleich, dass das Fotografieren der Ausstellung mit dem schönen Titel "Lebens- und Arbeitswelt des Leuchtfeuerwärters im ausgehenden 19. Jahrhundert" nicht erlaubt sei: Viele Abbildungen, Seekarten und maritime Ausstellungsstücke wie Fischnetze, Tagebücher, die die alten Tische zieren oder an den Wänden hängen, seien Sammlerstücke von verschiedenen Leuchtturmfreunden, die mit einer Reproduktion ihrer Stücke nicht einverstanden seien. Ein verständlicher Wunsch, weshalb die Kamera innerhalb des Turmes in der Tasche bleibt. Eindrucksvoll bleibt die Deckenverzierung in der ersten Ebene in Erinnerung, die Schlafnischen in der Zweiten und die kleine Küche. Die Toilette befand sich außerhalb des Turmes auf dem Umlauf ;-). Einige alte Ausstellungsstücke wurden anhand von alten Fotos etc. rekonstruiert und machen eindrucksvoll die räumliche Enge und Behelfsmäßigkeit des Turmes deutlich, der rund um die Uhr der Arbeitsplatz der beiden Wärter war.

Auch heute noch sind die Geschichten über die beiden Wärter auf Obereversand im Wurster Land besten bekannt, die jahrelang auf engstem Raum miteinander auskommen mussten, ohne sich gegenseitig leiden zu können. Jeweils sechs Wochen dauerte eine Schicht, bis die Ablösung kam – wenn die Wetterumstände dies verhinderten, mussten diese Zyklen auch gedehnt werden. Heutzutage sind solche Arbeitsbedingungen, die angesichts der einseitigen Ernährung auch nicht gerade gesundheitszuträglich gewesen sein dürfte. Nicht nur die Wache über das eigentliche Leuchtfeuer gehörte zu ihren Aufgaben. Schiffe wurden per Morsezeichen frühzeitig in Bremerhaven angekündigt, Aufzeichnungen über Wind, Wetter und den Vogelzug gehörten ebenso zu dem Dienstplan der Männer, die als einzigen „Auslauf“ das täglich für einige wenige Stunden trockenfallende Watt und den Weg zum Unterfeuer Eversand kannten.


Blick nach oben an der Laterne (links) und von der unteren Ebene in die Tiefe: Durch diese Klappe und die Trittleiter war das Innere des Leuchtturms über 124 Jahre nur zu erreichen.

Die halbe Stunde reicht kaum aus, um den Turm wirklich zu besichtigen und in die Atmosphäre tiefer einzutauchen. Anfassen und Berühren der Ausstellungsstücke ist nicht erlaubt, und man weiß eigentlich nie so recht, ob man den Erläuterungen der Führung folgen soll oder lieber die interessanten Hinweistafeln an den Wänden liest.

Im Eingangsbereich betreibt der Förderverein einen kleinen Souvenirshop mit Aufklebern, alten Fotos und diversen anderen „Memoriables“. Für 2,- Euro Eintritt lohnt alleine schon die großartige Aussicht von der Laternenebene aus auf die Weite des Watts der Außenweser: Von hier aus scheinen die alten Türme Meyers Legde und Untereversand recht nah, in der Ferne sind Robbenplate, Hohe Weg und viele der neueren Richtfeuerbaken gut zu erkennen.

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